Die Flagge am Clubhaus weht seit einigen Tagen auf Halbmast. Am 31.01.2026 ist unser Ehrenmitglied und langjähriger erfolgreicher Trainer Harald Thoms nach einem längeren Kampf gegen den Krebs verstorben.
Harald war ein Urgestein und Ehrenmitglied des Hannoverschen Ruder-Clubs und mehr als 60 Jahre Mitglied. In den 1960er und 1970 Jahren startete er selbst erfolgreich für den Club, wurde deutscher Jugendmeister im Achter und belegte bei den offenen deutschen Meisterschaften mehrmals vordere Plätze im Vierer und Achter.

Harald als Aktiver mit Winfried Schmidt
Mit seinem langjährigen Ruderpartner Winfried Schmidt war Harald auch in den letzten Jahren immer noch im Zweier-ohne und manchmal im SilverEagles-Achter – dem Achter der ehemaligen Rennruderer aus den 1960er Jahren – aktiv.

Harald im SilverEagles-Achter
Herausragend sind jedoch vor allem die Erfolge, die Harald als Trainer mit seinen Mannschaften über viele Jahrzehnte auf unterschiedlichen Leistungsniveaus erzielte. Ab 1973 war Harald für den Club als Trainer tätig, zunächst mit einer überschaubaren Trainingsgruppe aus Junioren. Aus dieser ging 1974 mit Wolfram Thiem und Frank Schütze der schnellste Zweier-ohne für die Achterbildung zur Juniorenweltmeisterschaft hervor, der anschließend selbige gewann. Die Trainingsgruppe wuchs kontinuierlich an und 1976 hatte Harald mit der "Paukenschlag Saison" den Hannoverschen Ruder-Club fest im internationalen Rudergeschäft verankert. Der "Maschsee-Vierer" erruderte als Teil des Deutschlandachters bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 den vierten Platz, mit Harald als Trainer dabei.

Auf der nationalen Ebene hatte der "Oskar-Ruperti"-Preis für den erfolgreichsten Verein bei den Deutschen Meisterschaften das Interesse von Harald geweckt. 1976 noch auf Platz zwei der Wertung, gewann der Hannoversche Ruder-Club unter der Führung von Harald den "Oskar-Ruperti"-Preis ab 1977 neunmal in ununterbrochener Folge – ein bis heute nicht wieder erreichter Rekord!

Bronzemedaille auf der Weltmeisterschaft 1979 in Bled mit W-D. Oschlies, W. Thiem, F. Schütze, A. Görlich, Stm. M. Klein
Maßgeblich für diese Erfolge war eine breit aufgestellte Trainingsgruppe aus leichten und schweren Ruderinnen und Ruderern, verbunden mit dem Anspruch, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen vertreten zu sein. Mit Wolfram Thiem, Thea Gröll (verh. Thiem) und Christoph Weichsler waren entsprechend 1984 wieder drei Sportler bei Olympia vertreten.
Gleichzeitig hatte Harald immer ein gutes Auge für Nachwuchsruderer, die er an den Spitzensport heranführte. So baute er ab 1984 einen Nachwuchsachter vor allem aus Ruderinnern und Ruderern des benachbarten Schülerbootshauses auf. Die Trainingsgruppe hatte mittlerweile eine beachtliche Größe erreicht, die heute jeden Trainer abschrecken würde: ein schwerer und ein leichter Männerachter, ein Frauen Vierer-ohne, Brigitte im Einer sowie diverse weitere Ruderinnen und Ruderer, die in Renngemeinschaft mit dem Hannoverschen Ruder-Club starteten. Bereits nach einem Jahr sorgte Haralds Nachwuchsachter für Furore. Er attackierte den hoch favorisierten Achter aus Dortmund bei den Deutschen U23 Meisterschaften derart, dass dieser lediglich mit einer Luftkastenlänge Vorsprung gewinnen konnte. Dies ist umso bemerkenswerter, da fünf Ruderer aus dem Dortmunder Achter 1988 bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille gewannen. Mit Roland Baar und Frank Richter gingen aus Haralds Achter ebenfalls zwei Ruderer hervor, die eine unglaubliche Karriere starteten und viele Weltmeistertitel und Medaillen bei Olympischen Spielen mit nach Hause brachten.

Roland Baar und Frank Richter
Wie ein Journalist einmal formulierte, stellte Harald eine "unerschöpfliche Quelle für Ruderer von Weltrang" dar, wie Brigitte Helmers (verh. Thoms), Carsten Lehr, Christian Lisdat, Tobias Kühne und Jan Westphalen mit ihren Teilnahmen und Medaillen auf Weltmeisterschaften eindrucksvoll beweisen. Bei der Qualifikation von Tobias Kühne im Zweier-ohne zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen, die in einem sechsten Platz mündete, hatte Harald ebenfalls seine Hände im Spiel.
Von der im Spitzensport gesammelten Expertise profitierten in der Folgezeit auch noch viele andere Ruderinnen und Ruderer aus dem Club. So betreute Harald Anfang der 2000er Jahre zuerst den Ruderpokal und ab 2008 dann die zweite Wettkampfebene, aus der anschließend der Bundesligaachter in der neu gegründeten Ruder-Bundesliga hervorging.

Bundesligaachter 2010
Ab 2010 baute Harald außerdem eine Juniorentrainingsgruppe auf, mit dem Ziel, einen reinen HRC Juniorenachter zu fahren und an Deutschen Jugendmeisterschaften teilzunehmen. Gegenüber dem Spitzensport früherer Jahre war dies sicherlich eine deutliche Umstellung, da sich sowohl die Erfahrung als auch das Trainingspensum deutlich unterschieden. So galt es für Harald, sowohl an Land als auch auf dem Wasser zunächst diverse Grundlagen zu vermitteln. Diverse "Klassiker" wie der Aufwärmzirkel, "Langintervall" sowie Übungen wie "1/4-Rolle Pause" wurden auch in diesen Trainingsgruppen zu bekannten Begriffen. Auch seinem Trainerstil blieb Harald treu. Dieser unterschied sich deutlich vom autoritären Trainerstil, den er selbst als Aktiver erlebt hatte. Vielmehr entschied er sich bewusst für einen "laissez-faire"-Stil und verlangte und formte selbstständige Aktive, die die jeweils bestmögliche Unterstützung erhielten, um ihre Ziele zu erreichen – ob dies nun eine Teilnahme bei Olympischen Spielen, eine Medaille bei Deutschen Juniorenmeisterschaften/Hochschulmeisterschaften oder eine gute Platzierung auf einer Regatta war. Statt ausschweifender Monologen gab es vielleicht an der Wende einige wohl dosierte Impulse. Die eigentliche Umsetzung, z.B. auf der nächsten Bahn, blieb aber in der Verantwortung der Sportler. Auf dieses Konzept musste man sich zuerst einlassen, auch wenn es vielleicht schwer fiel oder sogar etwas unbequem war. Es regte auf jeden Fall zum Nachdenken und zur Eigenverantwortlichkeit an.

Harald beim DRC ErgoCup 2019
Kurzfristig betrachtet eher herausfordernd, langfristig hingegen jedoch deutlich wirkungsvoller und erfolgversprechender, wie die vielen Erfolge eindrucksvoll zeigen. Darauf später einmal angesprochen sagte Harald lediglich "Im Rennen müsst ihr auch ohne mich klarkommen".
Das "laissez-fair" hatte jedoch auch seine Grenzen. Harald hatte z.B. klare Vorstellungen bei der Bootsverteilung und scheute sich auch nicht, diese auszusprechen. Als Meister der kondensierten Kommunikation konnte man je nach Situation seine eigene Leistung reflektieren. Gab es am Anfang bei dem Wunsch der Sportler ein neueres Boot zu fahren noch die Antwort "Das Boot ist immer noch besser als die Mannschaft." Freute man sich später umso mehr über ähnlich kondensierte anerkennende Worte wie "Das hast Du Dir verdient.", "Ihr führt schon ruderähnliche Bewegungen aus." oder vielleicht sogar "Das sieht schon fast wie Rudern aus." – sie waren bewusst gewählt und hatten entsprechendes Gewicht.
Insgesamt hat Harald mit seinem Trainerstil und Engagement viele Sportlergenerationen in einprägsamen Phasen des Lebens in ihrem sportlichen und menschlichen Werdegang begleitet, gefördert und gefordert. Viele Clubmitglieder hat er damit auch inspiriert, sich ebenfalls für Andere zu engagieren und den Club als Gemeinschaft zu stärken. Eine Konstante über die Generationen hinweg war dabei das Ritual von Harald vor dem Rennen: Er stieß die jeweilige Mannschaft ab, klopfte kurz auf das Blatt und sagte einfach nur "Na, dann gewinnt mal schön."

Harald mit Frank Schütze bei der Siegesfeier 2023
Die weiteren Rennen werden wir nun allein bestreiten müssen. Das Rüstzeug dafür hat Harald vermittelt, entsprechend bleibt abschließend nur von Herzen "Danke" zu sagen für die Erfahrungen und Erlebnisse. Haralds unnachahmliche Art, Mannschaften durch "vielsagende Wortkargheit" und freundliches, aufmerksames Schweigen zu trainieren, werden wir sehr vermissen.
Stellvertretend für die Trainingsgruppen und Mitruderer der letzten Jahrzehnte:
Karl-Michael Baumgarten, Frank Schütze, Gunther Sack, Carsten Lehr, Tobias Kühne, Nils Pfullmann, Florian Brüsewitz und Julian Lange
Dr. Nils Pfullmann